Altes Rathaus

ALTES RATHAUS

Markt 1
04109 Leipzig

Architekt:
Hieronymus Lotter

Bauzeit:
1556/57

Baustil:
Renaissance

Baugeschichte:
Das Alte Rathaus war nicht das erste Haus Leipzigs, das den Ratsgeschäften diente. Vermutlich stand bereits im 13. Jahrhundert das erste Rathaus am heutigen Naschmarkt in der Nähe der Nikolaikirche. Erst im 14. Jahrhundert verlegte der Rat seinen Sitz an den um 1300 angelegten heutigen Markt.
Bei Restaurierungsarbeiten 1906/09 wurde am Südgiebel an der Grimmaischen Straße der älteste Teil des Alten Rathauses freigelegt, ein romanisches Biforienfenster, das auf ca. 1230 datiert wird. Bei den tiefgreifenden Umbauten traten ferner die alten, 71 m langen Grundmauern des wesentlich kleineren Vorgängerbaus zutage. Neben diesem kleinen alten Rathaus stand das Haus der Leipziger Tuchherren, das als Lager- und Verkaufshaus diente und von ihnen bereits 1341 angekauft wurde. Da sie als städtische Oberschicht zugleich die führenden Mitglieder des Rates waren, wurden im Tuchhaus vermutlich auch die Ratsgeschäfte abgewickelt. Nach einer Urkunde von 1341 habe dieses Gebäude an einer Straße gelegen, die im Volksmund als „das Loch“ bezeichnet wurde. An welcher Stelle sich dieses „Loch“ genau befand, darüber besteht bis heute keine Klarheit. Ältere Darstellungen besagen, dass die schmale Gasse zwischen dem Tuchhaus und dem kleinen alten Rathaus die Bezeichnung „das Loch“ trug und Ende des 15. Jahrhunderts, als beide Gebäude zusammengezogen wurden, überbaut worden sei. Jüngere Quellen lassen indes vermuten, dass der 50 Jahre zuvor angelegte Markt gemeint sein könnte. An seiner Stelle erstreckte sich vordem eine Lehmgrube für die Ziegelherstellung.
Um 1469 wurde das Handelshaus der Tuchherren mit dem Rathaus verbunden und das Tuchhaus zum großen Ratssaal umgebaut. Um 1480 waren die Umbauten weitestgehend abgeschlossen. Mindestens drei mittelalterliche Bauten sind in dem Rathausgebäude – dem Vorgängerbau des heutigen – aufgegangen und wurden mit einer einheitlichen Fassade und einem hohen Satteldach versehen. An der noch heute sichtbaren Krümmung der Fassade zur Grimmaischen Straße hin, zeigt sich die Nahtstelle. Im Untergeschoss befanden sich damals sogenannte „Kramen“, Kaufkammern, in denen Krämer, Töpfer, Schuster und Schneider ihre Waren anboten, denn bis 1466 war der Verkauf im eigenen Haus untersagt.
Im 16. Jahrhundert wurden bauliche Erneuerungen notwendig, um die Schäden, die infolge der dreiwöchigen Belagerung während des Schmalkaldischen Krieges 1547 entstanden waren, zu beseitigen. Mit der Durchführung der Baumaßnahmen wurde Hieronymus Lotter beauftragt, der zu dieser Zeit Bürgermeister der Stadt Leipzig war.
Am 11. Februar 1556 wurde der Bau an der Ecke Markt/Salzgäßchen begonnen, neun Monate später war er fertig gestellt und im darauffolgenden Jahr wurde der Innenausbau vorgenommen. Der Bau des Rathauses war jedoch kein Neubau, vielmehr baute Hieronymus Lotter das vorhandene alte Rathaus um und gestaltete es im Stil der deutschen Renaissance. Der Bauurkunde nach, die im Turmknopf eingeschlossen war, verwendete er nicht nur das gesamte Mauer- und Balkenwerk des Vorgängerbaus, sondern auch die erhaltenen Dachsparren. Das Gesicht des „Neubaus“ wurde durch die gewaltigen Stufengiebel sowie die sechs Zwerchgiebel zur Markt- und sieben zur Naschmarktseite geprägt. Der vorherige Dachreiter wurde entfernt. Die bis dahin uneinheitlichen Fenster wurden durch Lotter vergrößert und neu angeordnet.
Der Turm vom ersten Lotterschen Rathaus war niedriger als der heutige, denn der viereckige, bis zur Dachkante reichende Rathausturm wurde vom Vorgängerbau übernommen und mit einem achteckigen Helmaufsatz mit Laterne bekrönt. Wie der Vorgängerbau erhielt der Turmaufsatz eine Uhr, die zu allen drei Seiten die Uhrzeit anzeigt. Obwohl im Laufe der Jahrhunderte mehrere neue Turmuhren eingebaut wurden, blieb das Äußere bestehen: das große Zifferblatt mit den Mondphasen darunter an der Marktseite sowie je ein kleineres Zifferblatt an der Nord- und Südseite. 1557 und 1558 kamen die drei Glocken in den Turm.
Im Jahre 1564 wurde ein hölzerner Altan über dem Eingangsbereich am Turm angebracht; der Austritt für die täglich zweimal blasenden Stadtpfeifer, unterhalb der Uhr, im Jahre 1599. Im zweiten Stockwerk befanden sich damals die Gefangenenzellen für leichtere Vergehen; im Keller waren die Kerker für die Schwerverbrecher untergebracht.
Bereits 1672 waren tiefgreifende Umbaumaßnahmen notwendig, da sich das Mauerwerk an der Ecke zur Grimmaischen Straße abgesenkt hatte; es wurde daraufhin abgerissen und neu aufgeführt. Zu dieser Zeit erhielt das Gebäude die Inschrift unterhalb des Kranzgesimses, die 1907 durch Messingbuchstaben ersetzt wurde. Die beim Lotterschen Neubau von 1557 dem Erdgeschoss vorgelagerten „Bühnen“ – ein auf hölzernen Säulen ruhender Arkadengang, der dem Handel diente – wurden bei der Renovierung 1672 durch hölzerne Buden ersetzt.
Pläne Mitte des 18. Jahrhunderts, das Rathaus um zwei Stockwerke zu erhöhen und mit einem zweiten Turm zu versehen, wurden nicht ausgeführt. Jedoch wurde im Jahre 1744 durch den Baumeister Christian Döring der Turm um 2,80 m erhöht und mit der charakteristischen barocken Turmhaube – die heute in rekonstruierter Form zu sehen ist – bekrönt. Diese Maßnahme war erforderlich, da an Stelle der umliegenden kleineren Renaissancehäuser inzwischen barocke Neubauten entstanden waren, die die gleiche Höhe wie das Rathaus hatten.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden aufgrund der Baufälligkeit des Gebäudes immer wieder Reparaturen notwendig. Zudem reichten die räumlichen Kapazitäten für die wachsende Verwaltung der Großstadt Ende des Jahrhunderts nicht mehr aus, so dass in Erwägung gezogen wurde, das Alte Rathaus abzureißen und am Markt ein größeres Rathaus zu errichten. In dieser Situation erwarb die Stadt Leipzig vom sächsischen Staat das Areal der Pleißenburg als Standort für den Neubau. Am 28. September 1904 wurde der Erhalt des Alten Rathauses sowie der benachbarten Handelsbörse beschlossen. Nachdem die gesamte Verwaltung 1905 in den Rathaus-Neubau umgezogen war, wurde die künftige Nutzung des alten Gebäudes als Stadtgeschichtliches Museum beschlossen. Dieser Zweckbestimmung folgte eine grundlegende Erneuerung des maroden Baus in den Jahren 1906 bis 1909 unter Leitung des Stadtbaurates Wilhelm Scharenberg sowie des Architekten und späteren Oberbaurates Arthur Kahnt. Scharenbergs Pläne sahen vor, das Bauwerk möglichst unverändert zu erhalten bzw. zu rekonstruieren. Nach Abriss der hölzernen Ladenvorbauten wurden dem Erdgeschoss ein Arkadengang aus Porphyr und Granit vorgesetzt und durch den Turm sowie unter den beiden Seitengiebeln hindurchgeführt, was die Verlegung des Treppenaufgangs in den Durchgang erforderlich machte. Zu dieser Zeit wurden auch die Schlusssteine an den Arkaden der Seitenfronten geschaffen, die Szenen und Symbole des Handels darstellen. Aufgrund der Baufälligkeit musste der Dachstuhl einschließlich der Zwerchgiebel komplett abgenommen und durch einen neuen aus Eisen ersetzt werden. Der Zustand des Turmes war jedoch so gut, dass er vollständig erhalten werde konnte. Sämtliche beim Umbau verwendete Materialien waren die gleichen wie zuvor: Die Werksteine des gesamten Bauwerks waren aus rotem Rochlitzer Porphyr, die Sockelteile aus Beuchaer Diorit, die Säulenschäfte aus Meißner Granit.
Auch das Innere wurde erneuert. So wurde der Festsaal nach Beseitigung störender Einbauten wieder hergestellt, von den aus dem Jahre 1610 stammenden Sandsteinkaminen wurden aufgetragene Farbschichten entfernt. Der Richterstuhl am Südende des Festsaals wurde nach altem Vorbild rekonstruiert. In der Ratsstube mussten die Decke und Wandverkleidung teilweise erneuert werden.
Den charakteristischen ockergelben Anstrich erhielt die Fassade erst bei erneuten Instandsetzungsarbeiten im Jahre 1926, auch die Vergoldungen der Werkstücke, der Kupferbuchstaben der Inschrift sowie von Teilen der Fenstergitter gehen auf dieses Jahr zurück. Dieser Maßnahme lagen weniger restauratorische Befunde zugrunde, vielmehr orientiert man sich vermutlich an den farbigen Fassadengestaltungen von Bauten des 17. Jahrhunderts, wie sie im Skizzenbuch des Leipziger Ratsmaurermeisters Christian Richter erhalten waren.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Alte Rathaus schwer beschädigt. Bei dem Bombenangriff am 4. Dezember 1943 brannten der Turm und das Dachgeschoss aus, jedoch hielten die 1906 neu gemauerten Giebel und die durch Eisenträger gestützte Betondecke des Hauptgeschosses dem Feuer stand. Die historischen Räume im ersten Geschoss blieben somit erhalten. Nach Kriegsende war das Alte Rathaus eines der ersten Gebäude, das wiederaufgebaut wurde. Aufgrund der Materialknappheit der Nachkriegszeit konnte in den ersten Jahren nur auf Baumaterial aus Leipzig und der näheren Umgebung zurückgegriffen werden. So zum Beispiel wurde aus Kupferresten, die Leipziger Bürger aus den Trümmern geborgen und gesammelt hatten, das Kupferblech für die Turmhaube in der Kupferhütte in Ilsenburg (Harz) gewalzt.
Die noch vorhandenen Eisenträger konnten gerichtet und beim Dachausbau wieder verwendet werden. 1948 war der äußere Wiederaufbau fertig. Vor dem 400-jährigen Jubiläum des Bauwerks 1956 wurde das Rathaus grundlegend renoviert: Es erhielt ein neues Dach, die Fassade wurde gereinigt und – begleitet von einem Disput zwischen dem Dresdner Institut für Denkmalpflege und dem verantwortlichen Architekten der Stadt Leipzig Walter Gruner – mit dem ockerfarbenen Anstrich wie im Jahre 1926 versehen, die Bemalung der Rathausuhr bildete den Abschluss der Renovierungsmaßnahmen. Bei der Fassadenrenovierung im Jahr 1988 entbrannte erneut die Diskussion um die denkmalgerechte Farbigkeit der Putzfassade, in die sich schließlich der Generalskonservator der DDR, Peter Goralcik, einschaltete und die mit der Wiederholung des Fassadengestaltung des Jahres 1926 endete.
Die jüngsten baulichen Veränderungen zu Beginn der 2000er Jahre, die aus den modernen Nutzungsanforderungen resultierten, führten zum Teil zu erheblichen Verlusten an originaler Bausubstanz.

Charakterisierung:
Das Alte Rathaus, 1556/57 von Hieronymus Lotter unter Einbeziehung von Bausubstanz der Vorgängerbauten an der Ostseite des Marktes errichtet, zählt zu den herausragendsten Beispielen der deutschen Renaissance. Gleichwohl handelt es sich bei dem Gebäude, wie es sich heute darstellt, um ein über die Jahrhunderte infolge von tiefgreifenden Um- und Ausbauten, Kriegszerstörungen und Renovierungsmaßnahmen im Vergleich zu seinem historischen Vorgängerbau beträchtlich verändertes Bauwerk.
Der langgestreckte zweigeschossige Bau, dessen Putzfassade unter Verwendung von Rochlitzer Porphyrtuff gestaltet wurde, symbolisiert den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Leipzig im 16. Jahrhundert. Die Hauptfront bildet die 91 m lange Ostseite am Markt mit den charakteristischen sechs Zwerchgiebeln und dem asymmetrisch nach Norden versetzten Turm. Die Fassade am Naschmarkt weist sieben Zwerchgiebel auf. Die mächtigen fünfgeschossigen Staffelgiebel an den nördlichen und südlichen Stirnseiten werden durch kräftige Gesimse horizontal betont. Die konsolengetragenen Erker des ersten Geschosses an den beiden Giebelseiten sind mit Dreiecksgiebeln bekrönt. Die Gebäudeecken werden durch eine Eckquaderung aus Rochlitzer Porphyr betont.
Das Hauptportal befindet sich im Turmunterbau und wird zu beiden Seiten von zwei ionischen Säulen auf Diamantquadersockeln flankiert. Die beiden Gaffköpfe in den Zwickelfeldern am Eingangsbogen stellen vermutlich die Porträtbüsten Lotters und eines seiner Mitarbeiter, Paul Speck oder Paul Wiedemann, dar.
Auf der umlaufenden Inschrift unterhalb des Hauptgesimses aus dem Jahre 1672, die bis zum Umbau 1906/09 aufgemalt war, ist zu lesen:
„NACH CHRISTI UNSERS HERRN GEBURTH IN MDLVI IAHRE BEY REGIERUNG DES DURCHLAUCHTIGSTEN UND HOCHGEBOHRNEN FÜRSTEN UND HERRN HERRN AUGUSTI HERZOGEN ZU SACHSEN DES HEIL: RÖM: REICHS ERTZMARSCHALLN UND CHURFÜRSTENS LANDGRAFENS IN THÜRINGEN MARGGRAFENS ZU MEISSEN UND BURGGRAFENS ZU MAGDEBURG ETC. IST IN DIESER STADT ZU BEFÖRDERUNG GEMEINES NUTZENS DIESES HAUS IN MONATH MARTIO ZU BAUEN ANGEFANGEN UND DASSELBE IM ENDE DES NOV: VOLLBRACHT DEM HERRN SEY ALLEIN DIE EHRE DENN WO DER HERR DIE STADT NICHT BAUET SO ARBEITEN UMSONST DIE DARAN BAUEN WO DER HERR DIE STADT NICHT BEWACHT SO WACHET DER WÄCHTER UMSONST DES HERRN NAHME SEY GEBENEDEYET EWIGLICH AMEN BEY CHURF. JOH. GEORG II. HOCHLÖBL. REGIERUNG RENOV. MDCLXXII.“
Die Fenster- und Türgewände besitzen durchweg ein für die Zeit um 1550 für Leipzig charakteristisches Profil, mit einem an den Ecken sich überschneidenden Rundstab. Ein antikisierender Zahnschnittfries unter dem Traufgesims bildet den Abschluss.
Im Durchgang vom Markt zum Naschmarkt wurden im Zuge der Umbaumaßnahmen 1909 zwei Zierbrunnen aufgestellt. Der eine, unmittelbar am Ausgang zum Naschmarkt gelegen, zeigt nach dem Entwurf von Wilhelm Scharenberg die Bronzefigur des „Badenden Knaben“. Die Schale in der von Porphyrtuff gerahmten, mosaikgeschmückten Nische, besteht aus Rosengranit. Ausgeführt wurde der Wandbrunnen von Carl Seffner. Der andere Brunnen von Johannes Hartmann zeigt ein „Badendes Mädchen“ auf einem kunstvollen Sockel inmitten eines runden Wasserbeckens. Die Plastik wurde im Jahre 2000 gestohlen und in der Folge durch den Leipziger Bildhauer Klaus Schwabe nachgebildet.

INNERES
Besondere Erwähnung verdienen die, zu einem großen Teil noch in ihrer ursprünglichen Ausstattung erhaltene, alte Ratsstube mit der Renaissancedecke und den Bildnissen sächsischer Kurfürsten sowie das sogenannte Tapetenzimmer aus Kochs Hof aus dem Jahre 1749 von Benjamin Calau. Im 43 m langen und 11 m breiten Festsaal, der früheren Ratsdiele, hat sich an der Nordseite der sogenannte Pfeiferstuhl von Paul Wiedemann aus dem Jahre 1557 erhalten. Auf dieser Musikempore musizierten früher die Stadtpfeifer. An der Längsseite befindet sich eine Gemäldegalerie sächsischer Herrscherbilder und unter diesen, in das Gestühl eingebaut, Porträts Leipziger Stadtrichter, einige von Anton Graff um 1800 geschaffen. Die vier Prunkkamine stammen von Friedrich Fuß, um 1610. Von kulturgeschichtlich hohem Wert ist das Stadtmodell von Johann Christoph Merzdorf von 1823, das die mittelalterliche Stadtstruktur vor der Industrialisierung Leipzigs zeigt.
Während beim Umbau 1906 die Fassaden weitgehend ihr Aussehen von 1557 bewahrt hatten, kam es im Inneren zu weitaus größeren Umgestaltungen und Neuinterpretationen. Ein Beispiel hierfür ist das vollkommen neu geschaffene Erinnerungsportal am Zugang zur alten Ratsstube.