Bankhaus Meyer & Co.

BANKHAUS MEYER & Co.

Thomaskirchhof 20
04109 Leipzig

Bauherr:
Bankhaus Meyer & Co.

Architekt:
Peter Dybwad

Bauzeit:
1903/04

Baustil:
Reformarchitektur

Das Bankgebäude in Ecklage zum Dittrichring wurde 1903/04 nach Entwürfen des Architekten Peter Dybwad errichtet. Der Rustikasockel besteht aus Würzburger Kalkstein, die drei darüber befindlichen Obergeschosse sind mit Sandstein verkleidet und weisen große Fensteröffnungen auf. Im zweiten Obergeschoss sind Balustraden angeordnet. Das Traufgesims ist mit Figurenschmuck bekrönt. Erwähnenswert ist die erhalten gebliebene originale Farbigkeit des Treppenhauses.
Im Gitter über dem Portal sind die Initialen Meyer & Co. erkennbar.
Der Kunstschriftsteller Julius Zeitler schrieb im Jahre 1906 im Leipziger Kalender: „[…] eine wahre Herzerquickung. […] Und bei aller Monumentalität des Baus, wie so gar nichts Reklamehaftes, Aufgedonnertes, äußerlich Angeleimtes ist daran. Hat man sich an dem Maurermeistersprodukt um die Ecke [Kaufhaus Ebert; Anm. d. Verf.] krank gesehn, an dem Dybwadschen Bau kann man sich gleich wieder gesund sehen. Es ist der schönste Glücksfall des Viertels.“ Zeitler sieht in dem vornehmen Bau Bezüge zum Leipziger Barock: „[…] alle modernen Erwerbnisse, struktive Ehrlichkeit, Respekt vor dem Material sind gewahrt, dabei aber muten die feinen Barockanklänge umso sympathischer an, als die schmückenden Motive in einer so unabsichtlichen diskreten Weise auftreten […].“

Unternehmensgeschichte:
Der aus Dessau stammende jüdische Kaufmann Joël Meyer, der als Bankier bereits bei den Leipziger Messen nachweisbar war, gründete am 1. September 1814 am Brühl in Leipzig – nach mehreren Ablehnungen – ein Wechselgeschäft, das er gemeinsam mit seinem Sohn Alexis Meyer führte. Seit 1823 lässt sich das Geschäft als „Meyer & Co.“ erstmals nachweisen. Alexis Meyer siedelte 1833 von Leipzig nach Berlin über und führte dort unter gleichem Namen ein eigenes Bankhaus. Die Leitung des Leipziger Stammhauses übernahm von 1840 bis 1887 sein Sohn Max Meyer. Neben Max Meyer weist der erste Handelsregistereintrag von 1862 Alexis und Moritz Meyer seit 1853 als Inhaber aus. Im Jahr 1863 kam Felix Meyer als Mitinhaber dazu. Von 1870 bis 1877 wurde das Bankhaus als Zweigniederlassung der Berliner Firma in Leipzig geführt. Ab 1887 leiteten die beiden Söhne von Max Meyer, Oscar und Paul Meyer, die Bank als Kommanditgesellschaft. Von der Hainstraße zogen die Geschäftsräume später in die Schillerstraße 6 um, seit 1905 befanden sie sich im Thomaskirchhof 20.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten vor allem mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe der Stadt und des Umlandes zur Stammkundschaft. Unter ihnen einer der größten Lieferanten Leipzigs für Sand und Mörtel, eine führende Seidenfabrik sowie zahlreiche Woll- und Textilfabriken. Diese Kundenbeziehungen bestanden über viele Generationen. Das Bankhaus war in allen Zweigen des Bankgeschäfts tätig, vor allem in der Textil- und der Rauchwarenbranche. Die Spezialisierung des Bankhauses auf die Textilindustrie ist vermutlich in der ersten Industrialisierungsphase entstanden und hielt bis in die 1930er Jahre an. Vermutlich ermöglichten die aus den langjährigen Geschäftsbeziehungen resultierenden Erfahrungen, dass das Bankhaus Inflationszeit- und Weltwirtschaftskrise aus eigener Kraft überstehen konnte.
Einen Wendepunkt in der Entwicklung des Bankhauses markierte der Eintritt des Kaufmannes Christian Adolf Mayer im Jahre 1911 und des Bankiers Wilhelm Schomburgk, des Schwiegersohnes von Paul Meyer, der im Jahre 1919 Teilhaber des Bankhauses wurde.
Schomburgk engagierte sich sehr stark für die Zusammenarbeit der Privatbanken in Leipzig und ganz Deutschland. Im Zuge dessen organisierte er Zusammenkünfte der Vertreter der Banken (u.a. Frege & Co., Vetter & Co., Hammer & Schmidt, A. Lieberoth), in denen er sich vehement gegen Geschäftspraktiken der Großbanken wandte. Als wichtiges Medium für seine Forderungen diente ihm die Vereinigung Leipziger Banken und Bankiers.
In den 1930er Jahren verschlechterten sich die Existenzbedingungen des Bankhauses aufgrund der Repressionen des NS-Regimes gegen jüdische Unternehmer. Die beiden Inhaber, Max Helmuth Meyer und Wilhelm Schomburgk, hatten die Forderung Leipziger NS-Funktionäre abgelehnt, sich öffentlich von den jüdischen Familienmitgliedern zu distanzieren, um ihre eigene gesellschaftliche Stellung erhalten zu können. Infolgedessen wurde es den Beamten der in Leipzig ansässigen Behörden verboten, weiterhin Geschäftskonten bei Meyer & Co. zu führen. Obwohl sich viele Geschäftskunden dem Boykott gegen das Bankhaus nicht anschlossen, wurde Max Helmuth Meyer genötigt, sein Aufsichtsratsmandat und die Mitgliedschaft im Vorstand der Leipziger Börse niederzulegen. Ende 1944 wurde er verhaftet und in einem Arbeitslager der Gestapo interniert, aus dem er im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit werden konnte. Der zweite Inhaber, Wilhelm Schomburgk, gehörte zum Oppositionskreis des Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler.
Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes hofften die Inhaber auf eine Weiterführung der Geschäfte als Privatbankiers. Diese Erwartung erfüllte sich zunächst nicht: Im Zuge der „Verordnung über die Gründung der Sächsischen Landesbank und die Abwicklung der bisher bestehenden Banken und sonstigen Geldinstitute“ wurde das Bankhaus Meyer im August 1945 geschlossen. Schomburgk bemühte sich um die Wiederzulassung als Privatbank, was ihm letztlich am 1. September 1946 gelang. In den 1950er Jahren verlor die Bank weitere traditionelle Geschäfts- und Privatkunden, somit unterschied sie sich kaum noch von den staatlichen Banken. Unter Aufsicht und ständiger Kontrolle der Sächsischen Landesbank bzw. der Deutschen Investitionsbank existierte das Bankhaus als letzte Privatbank der DDR bis 1972.
Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 befand sich die Filiale Leipzig der Deutschen Außenhandelsbank AG in den Geschäftsräumen der Bank.
Heute ist in den Räumlichkeiten ein Restaurant untergebracht. Im Keller des Restaurants befindet sich ein begehbarer Tresor, gebaut von der Carl Kästner AG Leipzig.