Bosehaus

BOSEHAUS

Thomaskirchhof 16
04109 Leipzig

Bauherr:
Georg Heinrich Bose

Architekt:
Nikolaus Rempe

Bauzeit:
1709-1711
Vorgängerbau von 1586
Umbau 1859; 1982-1985

Baustil:
Barock

Gegenüber der Südseite der Thomaskirche befindet sich eines der historischen Leipziger Bürgerhäuser, das Bosehaus. Das Grundstück gehörte im 13. Jahrhundert zum Areal des Thomasklosters. Bereits 1529 wurde der mittelalterliche Vorgängerbau, das Haus des Wolf von Lindenau „beym Thomaser Tor“, im Türkensteuerbuch erwähnt. Die Erben des Wolf von Lindenau verkauften das Haus 1580 an Peter Hofmann, der einige Jahre später anstelle des mittelalterlichen ein neues Vorderhaus in den Formen der Renaissance errichten ließ, den Kernbau des heutigen Bosehauses. Die Datierung „1586“ am Ostgiebel – durch Aufstockung des Nachbarhauses blieb die Jahreszahl über Jahrhunderte bis in die 1980er Jahre verdeckt – verweist auf das Erbauungsjahr des Gebäudes, von dem noch heute bedeutende Fragmente erhalten sind, so Teile der Umfassungsmauern, der Rundbogen eines Sitznischenportals aus Rochlitzer Porphyrtuff mit Diamantquaderung und Schlussstein mit Rollwerkkartusche, Teile der profilierten Fenstergewände im zweiten Obergeschoss sowie die kreuzgratgewölbte, zweischiffige Eingangshalle mit toskanischen Säulen.
Im Zuge der umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen Mitte der 1980er Jahre wurde das gesamte Gebäude bauhistorisch untersucht. Die Farbigkeit am Ostgiebel von 1586 lässt – sofern sie sich nicht grundsätzlich von der Erstfassung der Straßenfassade unterschied – Rückschlüsse auf die Farbigkeit der Straßenfassade zur Zeit der Renaissance zu. Den Farbbefunden nach waren die Wandflächen weiß gefärbt, die Fenstergewände grau, deren weiße Lagerfugen mit schwarzen Begleitstrichen betont. Offen bleibt, ob die für das Leipziger Stadtbild des 16. und 17. Jahrhunderts typische figürliche bzw. ornamentale Fassadenmalerei auch dieses Gebäude zierte.

Nach mehrfachem Besitzerwechsel gelangte das Gebäude zur Leipziger Kaufmannsfamilie von Ryssel und schließlich im Jahr 1709 durch Erbfolge an den Kaufmann Georg Heinrich Bose, Sohn des Handelsherrn Caspar Bose. Der neue Eigentümer beauftragte den Maurermeister Nikolaus Rempe, das Gebäude zeitgemäß im Stil des Barock umzubauen. Rempe war zu dieser Zeit in Leipzig viel beschäftigt. Zu seinen bekanntesten Bürgerhäusern zählten die heute nicht mehr vorhandenen Katharinenstraße 7 und 18, Reichsstraße 17 und Hainstraße 23. Der Umbau des Hauses für Georg Heinrich Bose war sein letzter Auftrag; er starb 1711.
Im 18. Jahrhundert erlebte das Leipziger Baugewerbe einen enormen Aufschwung. Vor allem wohlhabende Leipziger Bürger wie Georg Heinrich Bose wollten auf Neuerungen im Wohnungsbau nicht verzichten. Überschaubare Raumgliederung, bequeme Treppen, angenehmere Lichtverhältnisse, verbesserte Heizung und vermehrter Schutz vor Brandkatastrophen waren zu dieser Zeit das Ziel zahlreicher Um- und Neubauten in der Stadt. Im Zuge der Umbaumaßnahmen ließ Bose die Seiten- und Nebengebäude, die noch in Fachwerk errichtet waren, abbrechen und in Ziegelmauerwerk völlig neu aufführen. So entstand die geschlossene vierflügelige Hofanlage, wie sie heute wiederhergestellt ist. In der Niederschrift der Taxation von 1711 hieß es dazu:
„Diese sämtl. Gebäude nun sind außer dem fördersten Theile am forder-Gebäude, vom Grunde aus von H. Bosen gantz neu und zwar in ihren Hauptmauern Massiv steinern, aufgeführet, auch um u. um in einerley egalité gebracht, die Dächer Ala Mansart mit Ziegeln gedeckt, die Decken in denen vornehmsten Zimmern mit sauberer Stoccatur-arbeit und theils mit gemahlten Deckenstücken, in denen anderen Zimmern aber dieselben von Quadratur-arbeit eingefaßet, ingl. durchgehends in allen Stuben gegoßene Eiserne Ofen gesetzet, die Fenster so wohl in denen Zimmern als wie im Dache mit großen Scheiben verglaset, auch vor dieselben untenherum im Hofe, eiserne Gegitter gemacht, […], und besonders das gantze Haus um u. um mit steinern Brandmauern verwahret, deren Hof regulair eingerichtet, […], alß daß H. Bose, was zur verwahrung, beständigkeit auch Zirligkeit und guter bequemligkeit von nöthen gewesen, an solchen Baue sothanen Haußes nichts unterlaßen […]“ (Taxation vom 14. November 1711, zitiert nach Schneiderheinze, Armin (Hrsg.): Das Bosehaus am Thomaskirchhof. Eine Leipziger Kulturgeschichte. Leipzig 1989. S. 55f.).
Das Vorderhaus zum Thomaskirchhof wurde unter Nutzung vorhandener Substanz in der Tiefe und Höhe vergrößert. Es erhielt zwei steinerne Obergeschosse über dem gewölbten Erdgeschoss. Zur Entstehungszeit des Hauses Ende des 16. Jahrhunderts befand sich über dem zweiten Obergeschoss das Hauptgesims, darüber erhob sich, wahrscheinlich bis zur Höhe des heutigen Firstes, ein steiles Satteldach, das Bose durch ein Mansarddach ersetzen ließ. Im Zuge der Umbauten im Jahre 1711 wurde die Eingangshalle um ein Gewölbejoch in Richtung des Hofes erweitert, infolgedessen wurden die ursprünglich zwei toskanischen Säulen aus Rochlitzer Porphyrtuff um eine dritte, identische ergänzt. Anstelle der alten Treppenspindel wurde eine geradläufige Treppenanlage mit Sandsteinstufen auf rechteckigem Grundriss errichtet. Die meisten Wohnräume waren mit Stuckarbeiten verziert.
Der hölzerne Kastenerker, der einzige am Thomaskirchhof, gehörte nicht von Anfang an zum Gebäude. Stilistisch lässt er sich dem 17. Jahrhundert zuschreiben. Das Baubesichtigungsprotokoll von 1710 sowie die Niederschrift der 1711 vorgenommenen Baukostentaxation enthalten keine Angaben, erst 1731 wird der Erker erstmals erwähnt. Die barocke Straßenfassade ließ sich im Zuge der Rekonstruktionsmaßnahmen Mitte der 1980er Jahre nicht rekonstruieren, da der Verputz keine Farbbefunde lieferte und auch vom ursprünglichen Bestand des hölzernen Erkers lediglich einige der Stiele und Riegel sowie das segmentbogige Oberteil vorhanden waren.
Das Zwerchhaus an der Hofseite des Vorderhauses war zur Zeit Boses ein Kranhäuschen, das Ende des 18. Jahrhunderts zu Wohnzwecken umgebaut wurde. Die Öffnung für den Kranbalken, mit dessen Hilfe die Waren vom Hof in den Dachraum befördert und dort gelagert wurden, befand sich im Giebelfeld unter der segmentbogenförmigen Verdachung. Das Zwerchhaus wurde im Zuge der Restaurierungsmaßnahmen in den 1980er Jahren barockisierend erneuert.
Der repräsentativste Raum des Hauses war der Festsaal, auch als Sommersaal bezeichnet, im zweiten Obergeschoss des an der Südseite gelegenen Hinterhauses, dessen Seitenwände mit „4 eingemauerten großen Spiegeln“ und dessen ausgeschalte Decke mit „artiger Einfaßung von Stoccatur-Arbeit“ versehen war. Dieser Saal war zur damaligen Zeit eine kleine Attraktion, da ein „gemahltes ovales Deckenstück, so oben drüber mit angemachten Rollen an Leinen aufgezogen werden“ konnte und “ eine Gallerie mit saubern Ballustraden-Geländer“ für die Musiker freigab. Da der Saal späteren Bauanalysen zufolge nicht beheizbar war, wurde er vermutlich nur in der wärmeren Jahreszeit genutzt.
Am Hinterhaus hatte sich der ursprüngliche Putz, geschützt durch einen 1859 erfolgten Anbau, erhalten. Aufgrund dessen konnten zuverlässige Farbbefunde von der Erstfassung gesichert werden, die zur Rekonstruktion dienten: Goldocker für den Fond, Weiß für Gesims, Gewände und Spiegel.
An das Hinterhaus schloss sich ein Hausgarten von circa 20 mal 30 Metern an, der mit Buxbaumhecken, „figurirten Lust-Beeten, Rabatten und Blumen-Stücken“, gepflegten Obstbäumen, einer Sommerlaube und einer von der öffentlichen Röhrenwasserleitung gespeisten „Fontaine“ gestaltet war. In einer anlässlich des Todes Georg Heinrich Boses im Jahre 1731 angefertigten Verlassenschaftsakte wurde Folgendes konstatiert: „[…] daß man in hiesiger Stadt seinesgleichen bey keinem Wohnhauße findet, und solches diesem Hauße eine nicht geringe Zierde und Annehmlichkeit machet“ (Verlassenschaftsakte von 1731, zitiert nach Schneiderheinze 1989, S. 13).
Die ursprüngliche Fassadengestaltung der dem ehemaligen Hausgarten zugewandten Seite des Hintergebäudes konnte aufgrund fehlender Befunde nicht rekonstruiert werden. Die nach der Abnahme des alten Putzes zum Vorschein kommenden Vertiefungen im Mauerwerk rührten jedoch zweifelsohne von früher vorhandenen plastischen Fensterverdachungen her. Somit unterschied sich die Gartenseite von der Straßen- und auch von der Hoffassade durch eine aufwendigere Gestaltung. Dies entsprach den Empfehlungen in der Literatur jener Zeit zum bürgerlichen Wohnungsbau.

Der Thomaskirchhof war zu Lebzeiten Boses ein schmaler, etwa 80 m langer und 30 Meter breiter Platz, der auf der einen Seite vom Kirchen- und Schulgebäude, auf der anderen von einer geschlossenen Front von sechs Bürgerhäusern begrenzt war. Er öffnete sich lediglich im Osten und Südosten zum Markt- bzw. Pleißenburg-Viertel hin, während durch das enge, bewachte Thomaspförtchen im Westen die Bewohner durch die Stadtmauer in die gartengeschmückte Vorlandschaft gelangten.
Im Jahre 1723 übernahm Johann Sebastian Bach das Amt des Thomaskantors und bewohnte mit seiner Familie die alte Thomasschule. Zwischen den benachbarten Familien Bach und Bose entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen, die sich nicht zuletzt in den Taufpatenschaften von Töchtern der Familie Bose für mindestens fünf Kinder der Bachschen Familie ausdrückten.

1731 starb Georg Heinrich Bose. Neuer Eigentümer des Gebäudes wurde im Jahre 1745 der Handels- und Ratsherr Johann Zacharias Richter. Durch die Heirat der ältesten Tochter Boses, Christiana Sybilla, erwarb er das Gebäude am Thomaskirchhof. Richter baute seit 1730 eine bedeutende Kunstsammlung auf, die er in seinem neuen Haus unterbrachte. Nach seinem Tod im Jahre 1764 ging die Sammlung an seinen Sohn Johann Thomas Richter über, der sie öffentlich zugänglich machte. Vermutlich befand sich die Sammlung im zweiten Obergeschoss des östlichen Seitengebäudes. Die Richtersche Sammlung umfasste etwa 400 Gemälde, darunter Werke von Tizian, Rubens, Veronese und Rembrandt, etwa 1000 Handzeichnungen, eine große Zahl von Kupferstichen und einige Plastiken. Richter hegte engen Kontakt mit dem Direktor der Leipziger Zeichenakademie Adam Friedrich Oeser. Regelmäßig trafen sich die Mitglieder der 1763 gegründeten „Societät von Gelehrten, Schöngeistern, Künstlern und Kunstbeförderern“ im Richterschen Haus. Zu dieser Zeit avancierte die Gesellschaft zu einem geistig-kulturellen Zentrum der Stadt. Zu den namhaften Besuchern der Ausstellung zählten Goethe, Wieland, Tischbein und Moses Mendelssohn. Nach dem Tod Johann Thomas Richters ging die Ausstellung 1763 an seinen Bruder Johann Friedrich Richter. 1810 wurde die Sammlung von den Richterschen Erben versteigert.

Die Familie Richter besaß das Haus bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. 1853 erwarb es der Appellationsgerichtpräsident Professor Johann Ludwig Beck. Sechs Jahre später, im Jahr 1859, erfolgte der erste große Umbau seit 1711 durch Maurermeister Karl Friedrich Wilhelm Heinold mit dem Ziel, den Wohn- und Geschäftsbereich gewinnbringend auszulasten. Infolgedessen wurden die großen Räume geteilt und die Dachgeschosse ausgebaut, um mehr vermietbaren Wohnraum zu schaffen. Die Großzügigkeit der barocken Hausanlage wurde mit diesen Umbaumaßnahmen vollständig aufgegeben. Das palaisartige Kaufmannshaus der Barockzeit unterschied sich nun kaum noch von jenem Mietshaustyp, der ein Jahrzehnt später das gründerzeitliche Straßenbild prägte. Gravierend waren die Eingriffe an der Straßenseite des Vorderhauses und an der Hofseite des Hinterhauses. Das Hinterhaus erhielt hofseitig einen über alle Obergeschosse und das Dachgeschoss reichenden Anbau zur Aufnahme von Korridoren. Die Fenster der ehemaligen Hoffassade wurden teilweise zu Türen umgenutzt, die zu den neu entstandenen Korridoren führten. Infolge des Anbaus wurde die symmetrische Ordnung von Türen und Fenstern im gesamten Hofbereich aufgegeben, auch das barocke Treppenhaus im östlichen Seitengebäude büßte an Größe ein. Die Erdgeschosszone des Vorderhauses erhielt zwei Läden mit großen Schaufenstern an der Straßenseite, nachdem die kleineren Fenster entfernt und deren gemauerte Entlastungsbögen durch Stahlträger ersetzt wurden. Zudem war die Form des Mansarddaches straßenseitig nach dem Umbau nicht mehr erkennbar. Das erste Dachgeschoss erhielt eine gerade Außenwand, wodurch das Gebäude um ein viertes Geschoss erweitert wurde.

In den folgenden Jahrzehnten erfolgten entsprechend der jeweiligen Nutzung kleinere Umbauten. Ende des 19. Jahrhunderts richtete der Verlagsbuchhändler und Redakteur Paul de Wit im Vorderhausein ein privates Musikhistorisches Museum ein, in dem er einen Teil seiner umfangreichen Sammlung historischer Musikinstrumente ausstellte. Das Museum bestand bis 1905. Die Sammlung de Wits bildete einen wesentlichen Grundstock für das 1929 eröffnete Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Im Gebäude befand sich ferner die Redaktion der von de Wit 1880 gegründeten und bis 1943 erscheinenden „Zeitschrift für Musikinstrumentenbau“. Im Hinterhaus etablierte sich eine Gaststätte mit Varieté.

Von 1961 bis 2007 nutzte das Kabarett „Leipziger Pfeffermühle“ das Hintergebäude, dem voraus gingen Anbauten an der Hof- und Gartenseite. Aufgrund eines Erweiterungsbaus in den Jahren 2008/09 verließ die „Leipziger Pfeffermühle“ die Spielstätte.

Auf Initiative des Bachforschers Werner Neumann wurde 1973 im Erdgeschoss des Vorderhauses eine kleine Bach-Gedenkstätte eingerichtet. In Vorbereitung eines Bach-Museums erfolgte von 1982 bis 1985 eine umfassende Rekonstruktion der symmetrischen Gebäudeanlage nach einer Befundanalyse des Zustandes von 1711. Ziel war es einerseits, Museumsräume zu gewinnen, und ferner, das Gebäude weitgehend auf den bauhistorisch wertvollen barocken Zustand zurückzuführen. Im Zuge dessen wurden die Raumaufteilungen von 1859 rückgängig gemacht und die Hofeinbauten am Hintergebäude beseitigt. Der Sommersaal, zwischenzeitlich Bachsaal, wurde wiederhergestellt. In Anlehnung an die barocke Plafondmalerei gestaltete der Leipziger Maler Wolfgang Peuker das Deckengemälde über der offenen Galerie. Zum 300. Geburtstag Bachs, am 21. März 1985, konnte das Bach-Museum im Bosehaus eröffnet werden. Gleichzeitig zog das Bach-Archiv ein, das seit seiner Gründung 1950 im Gohliser Schlösschen sein Domizil hatte.

Das Bach-Jahr 2000 bot Anlass, das Museum neu zu gestalten. Von 2008 bis 2010 wurde das Gebäudeensemble komplett saniert, umgestaltet und mit einem kleinen Barockgarten ergänzt. Die Maßnahmen konzentrierten sich vor allem auf die Erweiterung des Museums und der Bibliothek sowie auf notwendige Sicherheitsmaßnahmen wie Brandschutz und Klimatisierung. Unter Einbeziehung des Nachbarhauses Thomaskirchhof 15 konnte der nutzbare Raum vergrößert werden.