Neues Rathaus

NEUES RATHAUS

Martin-Luther-Ring 4-6
04109 Leipzig

Bauherr:
Rat der Stadt Leipzig

Architekt:
Hugo Licht

Bauzeit:
1899–1905

Baustil:
Historismus

Baugeschichte:
Der Bau des Neuen Rathauses, dessen Planungsgeschichte bis in die 1870er Jahre zurückreicht, wurde unumgänglich, als die Räumlichkeiten des historischen Rathauses den stetig wachsenden Anforderungen an die Verwaltung der expandierenden Großstadt nicht mehr genügten. Aber auch aus Gründen der Selbstdarstellung war ein moderner Rathausbaus, der die wirtschaftliche und kulturelle Stärke der Handelsstadt repräsentierte, unabdingbar, wollte Leipzig mit anderen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München mithalten.
Für den Rathausneubau schrieb die Stadt 1897 einen deutschlandweiten Architekturwettbewerb aus, den Hugo Licht unter den 51 Teilnehmern mit seinem Entwurf gewann.
Am 18. September 1899 erfolgte die Grundsteinlegung. Nach sechsjähriger Bauzeit wurde der Neubau am 7. Oktober 1905 in Anwesenheit des sächsischen Königs Friedrich August III. feierlich eingeweiht. Das neue Rathausgebäude wurde im südwestlichen Bereich der 1897 abgebrochenen Pleißenburg erbaut.
„ARX NOVA SURGIT“ („Eine neue Burg entstehe“) stand als Kennwort auf dem preisgekrönten Entwurf Hugo Lichts. Von dieser Devise war das Bauvorhaben getragen, das heute zu den größten deutschen Rathausbauten zählt und zugleich ein imposantes Zeugnis der Leipziger Stadtentwicklung ist.

Charakterisierung:
Der monumentale Gebäudekomplex aus hellgrauem, mainfränkischem Muschelkalkstein lehnt sich an den Festungscharakter seines Vorgängerbaus, der Pleißenburg, an. Im Grundriss bildet er auf einer Fläche von über 10.000 qm ein unregelmäßiges Fünfeck, das durch die Anordnung von zwei inneren Querflügeln drei Innenhöfe umschließt. Annähernd 600 Arbeitsräume befinden sich im Gebäudeinneren.
Bei der Fassadengestaltung dominieren unterschiedliche historische Baustile: Neben den Stilelementen der Renaissance finden sich Bezüge zum Barock und ebenso – vor allem im Bereich der Bauplastik – zum Jugendstil. Das heutige Wahrzeichen der Stadt Leipzig, der 114,7 m hohe Turm, wurde auf den Mauern des alten Festungsturms der Pleißenburg errichtet, der als Bindeglied zwischen der alten und der neuen Zeit in den Neubau integriert wurde.
Die Süd-, West- und Südwestfassaden sind von den insgesamt fünf Fronten des Neuen Rathauses besonders reich mit bauplastischem Schmuck verziert, der sich thematisch auf die Geschichte des Standortes sowie die Funktion des Rathausbaus bezieht.
Die Hauptfassade an der Südseite wird durch einen Mittelrisalit akzentuiert, der von zwei seitlichen Türmen flankiert wird. In der Inschrift „ARX NOVA SURREXIT“ am reich verzierten Giebel über dem Haupteingang manifestiert sich das bürgerliche Selbstverständnis der Erbauungszeit: „Eine neue Burg hat sich erhoben“. Bekrönt wird der Volutengiebel von der Stadtgöttin Lipsia, die eine stadtmauerförmige Krone trägt, unter ihr das Leipziger Stadtwappen.
Der Hauptzugang zum Gebäude erfolgt durch das dreibogige Hauptportal, zu dem eine große Freitreppe führt. Zu beiden Seiten wachen zwei auf Postamenten sitzende Löwen – Hüter des Guten und Bezwinger des Bösen – , Arbeiten des Bildhauers Georg Wrba. An den Seitenflächen der reich geschmückten Postamente werden Verse aus Schillers „Wilhelm Tell“ zitiert, zum Gedenken an den 100. Jahrestag seines Todes 1905. Die sechs Flachreliefs in den Portallaibungen von Christian Behrens stellen Personifikationen der Lipsia sowie menschlicher Tugenden dar.
„MORS CERTA, HORA INCERTA“ („Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“) steht an der Rathausuhr im Giebel.
Die drei Hauptgiebel werden von den Tugenden des Stadtregiments bekrönt: auf dem Uhrengiebel die Personifikation der Wahrheit von Joseph Mágr, auf dem linken Giebel der Hauptfront die der Stärke von Arthur Trebst und auf dem Giebel der Westseite die Personifikation des Amtsgeheimnisses von Johannes Hartmann. Ihre Vorbilder finden sich an Rathausbauten der Renaissance und des Barock.
Auf der Balkonbrüstung an der Südwestfassade stehen zwischen zwei Obelisken die fünf allegorischen Figuren Buchdruckkunst von Adolf Lehnert, Justiz von Johannes Hartmann, Wissenschaft von Joseph Mágr, Musik von Hans Zeisig sowie Handwerk von Arthur Trebst, die die Basis des wirtschaftlichen Wohlstands der Stadt bilden. Thematisch ergänzt wird das Figurenprogramm durch die sechs Flachreliefs von Felix Pfeifer. Die Spitze dieser Giebelfront ist mit dem Leipziger Wappentier, dem Löwen, bekrönt, darunter die Inschrift: „PUBLICO CONSILIO PUBLICAE SALUTI“ („Der Leitung der Stadt und dem öffentlichen Wohl“). Die Mehrzahl der bauplastischen Löwendarstellungen am Neuen Rathaus schuf der Bildhauer Georg Wrba.
An der Ecke zur Südseite ist das mit kriegerischen Attributen geschmückte kurfürstlich-sächsische Wappen eingefügt, welches sich vordem an der Bastei der Pleißenburg befand.
Die Hofeinfahrt im Untergeschoss der Westseite führt in die Innenhöfe. Im westlichen Hof bildet der von Hieronymus Lotter entworfene Renaissanceerker, der sogenannte Pappenheimer Erker, der von der Pleißenburg übertragen wurde, einen historischen Bezug. Der Legende nach gehörte er zu dem Raum, in welchem der kaiserliche General Graf zu Pappenheim im Dreißigjährigen Krieg starb.
Die Nordseite ist eher zurückhaltend gestaltet. Die mittig betonte Fassade wird akzentuiert durch achteckige seitliche Turmmotive, von denen der am Burgplatz befindliche erkerartig hervortritt.
Die reiche bauplastische Gestaltung am gesamten Baukörper weist eine Fülle verschiedener Bildthemen und -motive auf. Die Reliefs in der Rustikazone beispielsweise zeigen Märchenszenen, desgleichen finden sich Darstellungen von Tieren und Fabelwesen auf Reliefs und Giebelbekrönungen.
Die Akzentuierung bestimmter Fassadenabschnitte durch Giebel- und bauplastischen Schmuck verweist auf die besondere Funktion der dahinter befindlichen Räumlichkeiten. So verbergen sich hinter der architektonisch reich geschmückten, giebelbekrönten Südwestseite die Arbeitsräume des Oberbürgermeisters – auch Oberbürgermeisterflügel genannt – , der Ratsplenarsaal befindet sich hinter dem Mittelrisalit der Südfassade über dem Haupteingang, der frühere Festsaal hinter der südöstlichen, giebelbekrönten Gebäudeecke und der ehemalige Stadtverordnetensaal an der durch hohe Rundbogenfester betonten Ostseite. Einen weiteren Hinweis auf die Raumfunktion des Stadtverordnetensaals geben die vier, auf den Pilastern zwischen den Fensteröffnungen an der Ostseite angebrachten Porträtmedaillons bedeutender Stadtverordnetenvorsteher. Der Sinnspruch über ihnen: „FORTITER IN RE, SUAVITER IN MODO, CONSTANTER IN SE“ („Streng in der Sache, mild in der Form, treu sich selbst“) verweist auf die moralischen Prinzipien der parlamentarischen Arbeit hinter der Fassade.
Die Darstellung der Justitia an der Gebäudeecke zum Burgplatz hin, deren verbundene Augen zusätzlich verdeckt werden, ist wohl in der räumlichen Nähe zum Ratskeller eher ironisch zu deuten.
Der Portalsschmuck am Ratskellereingang verweist motivisch auf den Ratskeller als Ort weinseliger Geselligkeit. Einen ebenso deutlichen Hinweis auf die Lokalität gibt der einen Weinkelch haltende Löwe am Eckstrebepfeiler. Feine Ironie findet sich auch am Podest der Löwenplastik: Der Steuermoloch vertilgt den Bürger – eine Anspielung auf die Steuerlast und die immensen Kosten, die der Rathausbau verschlungen hat. Mit Baukosten von 7,3 Millionen Mark war der Rathausbau einer der kostspieligsten seiner Zeit.
Am Eingang zum Ratskeller steht der aus den Mitteln einer Sammlung Leipziger Bürger 1908 errichtete Rathausbrunnen von Georg Wrba. Der figürliche Schmuck zeigt acht Kinderpaare aus deutschen Märchen, wie Hase und Igel, Hänsel und Gretel u.a., die um eine Säule mit der lebensgroßen Bronzefigur eines Flötenspielers gruppiert sind. Am Sockel sind die Porträtmedaillons der früheren Leipziger Oberbürgermeister Bruno Tröndlin und Otto Georgi sowie des Erbauers des Rathauses Hugo Licht angebracht.
Im nördlichen und nordwestlichen Teil des Kellergeschosses befanden sich vormals die Räumlichkeiten der Stadtkellerei, die als Flaschenlager für Rot- und Weißweine dienten. Ergänzt wurden sie durch die alten Kellerräume der Pleißenburg unter dem Burgplatz, die bereits im 16. Jahrhundert zur Weinkellerei benutzt wurden. Um Einfluss auf Preis und Qualität zu haben, verwaltete der Rat der Stadt die Weine, die im Ratskeller ausgeschenkt wurden, selbst. Jeder Bürger sollte in den Genuss guten und zudem preiswerten Weines kommen.

INNERES
Hinter einer schmalen Vorhalle am Haupteingang liegt das seitlich säulengetragene Vestibül, dem sich die Untere Wandelhalle anschließt. Die Hermen am Aufgang, von Georg Wrba geschaffen, stellen die vier Menschenalter und die Jahreszeiten dar.
Sparsam gegliederte Arkadenpfeiler, die ein massiges Tonnengewölbe mit Stichkappen tragen, trennen ein schmales Seitenschiff von der Halle ab. Der Raum dehnt sich der Länge nach quer zur Hauptachse des Gebäudes aus. An der östlichen Stirnseite ist das beim Abbruch des Grimmaischen Tors im 19. Jahrhundert geborgene herzoglich-sächsische Wappen aus dem Jahre 1502 eingemauert. Von der ursprünglich reichen Farbverglasung ist ein Buntglasfenster mit dem Grußwort „SALVE“ von Julius Diez über dem Zugang zur Haupttreppe erhalten.
Die dreiläufige, aus Granit und farbigem Marmor geschaffene Haupttreppe verbindet die Untere mit der Oberen Wandelhalle im Hauptgeschoss. Das repräsentative Treppenhaus belegt sowohl in der architektonischen Anlage als auch in den bildhauerischen Arbeiten Georg Wrbas den engen Bezug auf barocke Vorbilder. Die Stuckdecke des Treppenhauses zeigt ein konzentrisches Sonnenmotiv mit dem Tierkreis im Jugendstil.
Ein mit Stuckornamenten verziertes Tonnengewölbe überspannt die Obere Wandelhalle, jedoch ohne einschneidende Stichkappen. Die Empore der Oberen Wandelhalle führt bis zum dritten Obergeschoss.

Von der Haupttreppe aus gelangt der Besucher zu den drei großen Sälen, die zur Erbauungszeit für Verwaltungs-, repräsentative und parlamentarische Aufgaben vorgesehen waren.
Der Ratsplenarsaal, ein 18 m langer, ca. 11 m breiter und 7,5 m hoher Raum mit fünf Fensterachsen befindet sich direkt über dem Haupteingang im Hauptgeschoss. Das ursprüngliche Erscheinungsbild des Raumes mit hohen Mahagonipaneelen, Vitrinen, der Türumrahmung und den Kaminen aus grauem Marmor, der vergoldeten Kassettendecke mit der Inschrift „VIRIBUS UNITIS“ („Mit vereinten Kräften“) über einem Fries mit Greifen und Schlangen sowie dem Gruppenbild der Ratsmitglieder aus dem Jahre 1903 von Eugen Urban ist heute weitgehend erhalten. Wie auch beim ehemaligen Stadtverordnetensaal – dessen früheren Zustand nur noch Fotografien dokumentieren – sind bei der Ausstattung dieses Saales deutliche Bezüge zur Renaissance erkennbar.
Der Ratsplenarsaal war der einzige der drei Repräsentationsräume, der während des Zweiten Weltkrieges – bis auf die von Julius Diez gestalteten Fenster und die Decke – kaum beschädigt wurde. Der ehemalige Festungs- und der Stadtverordnetensaal brannten komplett aus.
Der frühere Festungssaal mit einer Länge von 29 m, 15 m Breite und einer Höhe von 11 m hatte eine direkte Verbindung zum Stadtverordnetensaal. Gegliedert war er durch fünf Fensterachsen an der südöstlichen Seite sowie drei an der Südseite. Die illusionistische Deckenmalerei von Julius Mössel orientierte sich an barocken Vorbildern. Die Ruine des Festsaals wurde 1968 zum neuen Stadtverordnetensitzungssaal umgebaut.
Der Stadtverordnetensaal war ein länglicher, querliegender Saal von 19 m Länge, 15 m Breite und 9 m Höhe. Drei große Fenster gliederten den Raum an der Ostseite. Mit der Ausmalung des Saales wurde abermals Julius Mössel beauftragt, zudem prägte die hölzerne Ausstattung den Charakter des Saales.
An der Stelle des früheren Stadtverordnetensaals befindet sich seit 1968 der neue Festsaal.