Stadthaus

STADTHAUS

Burgplatz 1
04109 Leipzig

Bauherr:
Rat der Stadt Leipzig

Architekt:
Hugo Licht

Bauzeit:
1908–1912

Baugeschichte:
Im Jahr 1908, drei Jahre nach der Fertigstellung des Neuen Rathauses, begann nördlich von diesem der Neubau des Stadthauses. Für den Bau verantwortlich zeichnete – wie schon beim Rathausbau – der Architekt Hugo Licht.
Die stetige Expansion der Großstadt Leipzig und der Mangel an Räumlichkeiten im erst drei Jahre zuvor entstandenen Rathausneubau gaben den Ausschlag für das Bauvorhaben.
Das Stadthaus sollte, verglichen mit dem Neuen Rathaus, einen einfachen Charakter erhalten. Aufgrund der schlechten städtischen Finanzlage war Licht gezwungen, seine Pläne mehrfach zu überarbeiten, um die Baukosten einzusparen. Auch während des Bauverlaufs musste er weitere Korrekturen billigen. So zum Beispiel änderte die Baudeputation eigenmächtig die von Hugo Licht festgelegte Leibungstiefe der Schaufenster in der Markgrafenstraße von 0,75 m auf nur 0,48 m, so dass die aus der Gebäudeflucht herausgerückten Schaufenster der Fassade ein anderes Gepräge gaben.
Am Bau des Verwaltungsgebäudes waren hauptsächlich Leipziger Firmen und Künstler beteiligt, von denen einige bereits am Bau des Neuen Rathauses mitgewirkt hatten, wie die Leipziger Fabrik für Eisenkonstruktion von Franz Mosenthin, die für beide Gebäude mit der schmiedeeisernen Dachkonstruktion beauftragt war. Der Bildhauer Georg Wrba, der den Großteil der Bauplastik am Neuen Rathaus geschaffen hatte, wurde von Licht mit der Ausführung der Modelle für den bildkünstlerischen Bauschmuck der zweigeschossigen Gebäudebrücke zwischen Rat- und Stadthaus beauftragt.

Charakterisierung:
Im Jahre 1911 war der Verwaltungsneubau abgeschlossen. Der Gebäudekomplex auf unregelmäßigem, fünfseitigem Grundriss hat eine Gesamtfläche von 7695 qm und umschließt zwei Innenhöfe. Das Ziegelmauerwerk der Fassaden ist wie beim Neuen Rathaus mit mainfränkischem Muschelkalkstein verblendet.
Die Homogenität der Baukörper des Neuen Rathauses und des Stadthauses wird durch die gleiche Behandlung des Sockelbereiches erzielt: ein zweigeschossiger Rustikasockel mit grob behauenen Bossen. Aber auch die Sohlbänke der Fenster liegen bei beiden Gebäuden in einer horizontalen Ebene, das Zwischengeschoss besitzt dieselbe Höhe wie das am Rathaus. Die Zwerchgiebel des Stadthauses sind zwar wesentlich schlichter ausgeführt, jedoch an die des Rathauses angelehnt. Die Hoffronten sind wie beim Neuen Rathaus als schlichte Putzfassaden ausgebildet, deren Sockelbereich teilweise mit gelben Klinkersteinen verblendet sind. Im Inneren des großen Hofes steht das 1½-geschossige Kesselhaus.
Im Gegensatz zum Neuen Rathaus findet die innere Funktion der Räume keine Entsprechung durch besondere Fassadenbetonungen. Vielmehr wirken die Fassaden durch eine ruhige, gleichmäßige Gliederung und die sparsame Verwendung von Bauornamentik eher zurückhaltend. Der bauplastische Schmuck, der überwiegend vom Leipziger Steinbildhauer Ludwig Sauer ausgeführt wurde, kommt ebenfalls sehr sparsam zum Einsatz und beschränkt sich auf den Eckerker, das Portal am Burgplatz, das Portal am Standesamt, die verbrochene Ecke Lotterstraße/Martin-Luther-Ring und an der Markgrafenstraße, ferner auf die aufwendigen Verzierungen an der Verbindungsbrücke nach den Modellen von Georg Wrba. Der Bauschmuck an den elf Zwerchgiebeln auf den Mansarddächern der Süd-, West- und Nordfronten sowie deren Bekrönung mit Fruchtkörben schuf der Leipziger Bildhauer Mathias Stephan. Die Arbeiten an den Schlusssteinen der Hauptgeschossfenster mit Kinderreliefs stammen vom Leipziger August Schmiemann.
Statt des Obelisken, der den Giebel am Burgplatz rechts flankiert, hatte Hugo Licht die Aufstellung eines 2,50 m hohen Lotterstandbildes von Joseph Mágr vorgesehen. Die Planänderung lag sicher in den städtischen Sparzwängen begründet. Der Verbleib des Lotterstandbildes, welches ursprünglich für die obere Nische des Stadtverordnetengiebels am Neuen Rathaus geplant war, ist nicht bekannt.
An der Ostfassade zum Burgplatz hin ist ein achtseitiger Eckturm mit geschweifter Haube angebracht. Die Kugeln, die ihn sowie die beiden Dachtürme und die Ventilationshauben einst zierten, waren vergoldet. Dennoch sind die Türme wie der gesamte Baukörper im Vergleich zum benachbarten Rathaus weitgehend schmucklos gestaltet. Anlehnungen an die Formen der Renaissance sind am Stadthaus eher verhalten, was eine veränderte, zeitgemäße Architekturauffassung Hugo Lichts einige Jahre nach dem Bau des Neuen Rathauses erkennen lässt.

INNERES
Aufgrund der Sparzwänge musste Hugo Licht auf eine reiche Innenausstattung wie im Neuen Rathaus verzichten. Licht selbst oblagen einzig die Planung für die künstlerische Ausstattung des Eheschließungszimmers des Standesamtes sowie die Entwürfe für die Beleuchtung in den Korridoren, Vorplätzen und Treppenanlagen. Besonders am Herzen lag im wohl die Einrichtung des Eheschließungszimmers mit dessen Ausführung er den Leipziger Hofmöbelfabrikanten und Hofdekorateur Carl Müller & Co. beauftragte. Die Ausmalung über der Täfelung sowie über der Eingangstür übernahm das Atelier von Richard Schultz in Leipzig. Für die separate Treppe zum Standesamt plante er die Aufstellung eines Wandbrunnens der Firma Otto Müller in Karlsruhe. Zunächst provisorisch im Erdgeschoss vorgesehen, fand der Brunnen aus poliertem, lichtgelbem Juramarmor und dekorierter Kachelverkleidung später Aufstellung am Ende des Aufgangs der Trautreppe.

Das Stadthaus wurde während des Zweiten Weltkrieges stark beschädigt, das in der nordwestlichen Ecke anschließende Gebäude komplett zerstört.